Janus, was sagt er uns?

Zu meinem Praxis-Logo habe ich Janus, den altrömischen Gott der Türschwelle, Beschützer der Stadttore und Durchgänge, der Aus- und Eingänge gewählt. Er wird als der Gott mit den zwei Gesichtern, die in die jeweils entgegengesetzte Richtung schauen, dargestellt. Insofern vereinigen sich in ihm entgegengesetzte Eigenschaften. Er sieht sowohl das Kommende als auch das Gehende, den Anfang und den Übergang. Eine Tür ist nicht nur einfach eine Klappe, die Inneres und Äußeres trennt, sondern symbolisiert auch die Möglichkeit, Durchblicke und Verbindungen zu beiden Seiten herzustellen. 

Was kann das für die Medizin und die Wissenschaftswelt bedeuten? Nach meinem Verständnis ist die Ära der mit ausschließlich naturwissenschaftlich gespickten Fakten-Medizin als Produkt einer historisch notwendigen Erkenntnisentwicklung im Rahmen der industriellen Revolution erschöpft und an ihre Grenzen gestoßen. Widersprüche tun sich auf, die mit bisherigen, faktenorientierten Erklärungsmustern nicht mehr umfassend zu erklären sind. Theoretisch arbeitende Atomphysiker entdecken plötzlich Gemeinsamkeiten mit spirituellen Sichtweisen und beginnen, z.B. Erklärungsmuster für die Wirkungsweise von Akupunktur zu erarbeiten. Rituale vor schamanistischem Hintergrund erreichen plötzlich mehr als Psychopharmaka. Das Pendel scheint zurück zu schwingen. Somit verkörpert der Januskopf für mich eine Vielzahl von Polaritäten, die dennoch dialektisch in Verbindung stehen.

Er trennt nicht nur innen und außen, Seele und Körper, Mythos und Vernunft, Links und Rechts, Konservativ und Progressiv, Materie und Antimaterie etc., sondern als Gott der Durchgänge ermöglicht er auch deren Verbindung und Synthese zunächst gegensätzlich wirkender Elemente.
Insofern versuche ich bei meiner Tätigkeit sowohl Trennendes zu sehen und wahrzunehmen, als auch Übergänge und Verflechtungen zu Benachbartem herzustellen. Bei der Vielzahl organisch anmutender Symptome während der täglichen Behandlungen handelt es sich nur zu einem geringen Teil um ein rein organisch-phänomenologisches Funktionsversagen. Nur zu häufig teilen sich seelische Spannungen oder Blockaden über diese Beschwerdesprache mit und sollten ebenso gewürdigt und gesehen werden. Ärztliches Handeln sollte somit den Blick in viele Richtungen zulassen, um scheinbar Gegensätzliches integrieren zu können.